Montag, 23. Februar 2015

Orgel statt Schlager




Mein Lieblingsbestatter ruft an und fragt, ob ich Zeit habe. Der gewünschte Termin ist bei mir noch zu haben, also sage ich zu.
Ich erhalte die Daten der verstorbenen Dame sowie die Rufnummer der Tochter. Dort melde ich mich und erfahre, dass wir uns zum Gespräch in der Wohnung des Vaters bzw. des Ehemannes  treffen werden.
Ich bin am besagten Tag pünktlich zur Stelle, ich suche die Klingelschilder des Mietshauses ab und entdecke schliesslich den Namen Petersen und schelle an. Wenig später ertönt der Drücker und ich kann die Tür öffnen, Familie Petersen wohnt in der ersten Etage, in der Tür erwartet mich bereits der Witwer und bittet mich herein.
Die Wohnung ist freundlich eingerichtet, man sieht deutlich die Ordnung einer Frau, es steht viel Nippes herum, typisch friesische Dekoration und die übliche Schrankwand mit Vitrine, Barfach und Fernseher.
Herr Petersen bietet mir ein Glas Wasser an und gemeinsam warten wir nun auf die Tochter, welche sich um wenige Minuten verspätet hat. Schliesslich erscheint sie in Begleitung ihres erwachsenen Sohnes und nachdem wir alle wieder am Tisch sitzen, klappe ich meine Mappe auf, reiche meine Rednerkarte herüber und frage wie immer, was den gewünscht werde.
Die Tochter wirkt etwas unsicher und sagt schliesslich:“ Unsere Mutter war ja eine einfache Frau, sie hatte wenig Wünsche, sie hat aber immer was für andere getan.“
Schon während dieser wenigen Worte der Tochter fällt mir auf, dass sie eine knarzige Stimme hat, es klingt, als habe sie einen Frosch im Hals. Auch im weiteren Verlauf des Gespräches fällt mir diese Stimme auf, mittlerweile verspüre ich den starken Drang mich räuspern zu müssen, obwohl mit meiner Stimme alles in Ordnung ist.
Die Tochter wird nun etwas gesprächiger, sie klingt wie ein heiserer Papagei, ich habe echte Mühe ihr zuzuhören, diese Stimme ist mir unangenehm.
Sie erzählt, dass ihre Mutter immer stark engagiert war beim Roten Kreuz und der Tafel für Bedürftige. Unermüdlich habe sie auch für die Kleiderkammer ehrenamtlich gearbeitet, jedes Sommerfest habe sie mitgestaltet, habe Kuchen gebacken und Fischbrötchen verkauft.
Nun bringt sich auch der Ehemann in das Gespräch ein, er ist leicht dement, kann aber dem Gespräch noch halbwegs folgen. Er berichtet, dass er der zweite Ehemann seiner Frau war und seine Hilde damals mit ihren drei Mädchen geheiratet habe, nachdem der erste Ehemann über Bord eines Fischkutters gegangen sei und man ihn nie wieder gesehen habe.
Er selber habe keine Kinder und sei nun froh, drei Töchter und einige Enkel zu haben.
Ich stelle noch einige Fragen und erhalte bereitwillig Auskunft, auch der Enkel spricht nur nett über seine Oma.
Als ich genügend Informationen zusammen habe, frage ich nach Musikwünschen und der Enkel erklärt mir, dass Oma immer sehr gerne Roger Whittaker gehört habe und man habe drei Stücke von ihm ausgewählt, ganz besonders wichtig sei dabei der Song „Abschied ist ein scharfes Schwert“.
Ich notiere mir die gewünschten Stücke und vereinbare mit dem Enkel, dass er am Tag vor der Trauerfeier die CD zusammen mit dem Bild seiner Oma im Bestattungshaus Dünkel vorbeibringt.
Ich bin soweit zufrieden und verabschiede mich zügig, die Papageienstimme der Tochter ist mir auf die Nerven gegangen.
Am Tag der Beisetzung treffe ich im Büro des Bestatters Dünkel ein, wir tauschen wie immer meine Rechnung gegen Bargeld und tauschen ein wenig privates aus.
Als es für mich Zeit wird, in die Trauerhalle herüber zu gehen, bitte ich den Mitarbeiter um die CD, welche ja eigentlich vorliegen sollte.
„Nee“, sagt der Bestatter, „welche CD“? „Ja wie, welche CD“? frage ich. „Die hat doch der Enkel gestern mitgebracht“. „Ach so, meint Herr Dünkel, „dann ist die schon drüben in der Halle“. „Ja denn“, sage ich „denn ist ja gut“ und nehme meine Mappe vom Tisch und gehe den kurzen Weg herüber zur Halle. Dort wartet bereits ein weiterer Mitarbeiter auf mich, ich begrüße ihn und will mit ihm absprechen an welcher Stelle er die CD abspielen soll. Hinnerk Lüders guckt als ob ein Schaf übern Deich rollt und fragt entgeistert „Wieso CD“? „Die Organistin ist doch da“ Nun gucke ich belämmert und versichere ihm, dass die Angehörigen keine Orgel bestellt haben und der Enkel die CD mitgebracht habe.
Ich ahne böses, als wir gemeinsam den Stapel der vorhandenen Cd`s durchsehen, alles ist da, Herman Prey, Adoro, Andrea Berg, aber kein Roger Whittaker. Ich blicke auf die Uhr, es ist 10:40 Uhr und um 11:00 Uhr soll die Trauerfeier beginnen, das kann ja heiter werden, denn einige Gäste sind bereits eingetroffen und stehen in der großen Vordiele der Halle, während Hinnerk und mir der Schweiß ausbricht.
Just in diesem Moment betritt der Enkel die Halle und ich winke ihn unauffällig herbei. Auf Nachfrage erklärt er dann, er habe die CD im Schrank der Oma nicht gefunden und deshalb nicht mitgebracht, er habe aber „Abschied ist ein scharfes Schwert“ als Klingelton auf dem Handy, ob das auch ginge?
Innerlich koche ich vor Wut, es war schliesslich vereinbart, dass er die Musik mitbringt und nun das. Währenddessen nehmen die ersten Gäste Platz und betrachten den geschmückten Sarg, ich flitze zurück ins Büro und Herr Dünkel fragt, ob der weiße Hai persönlich hinter mir her sei. „Nein“ rufe ich atemlos, „nein, aber wir haben keine Musik, der Enkel hat die CD nicht mit, was nun?“
Dünkel holt tief Luft und grinst, er dreht sich um und fischt aus einem Stapel eine Doppel-CD, „Best of Roger Whittaker“. Ich hätte es ahnen müssen, Dünkel ist Schlagerfan durch und durch, Schade nur, dass ihm das jetzt erst einfällt.
Ich reiße ihm die CD aus der Hand, mittlerweile ist es 10:50 Uhr und ich will zurück in die Halle hasten, als der kleine Mitarbeiter leise fragt:“ Ist in der Hülle auch was drin“?
Ich bleibe auf der Stelle stehen und öffne die Hülle, tatsächlich, es fehlt eine CD, ausgerechnet die auf welche es ankommt.
„Sch…“ entfährt es mir, „was nun?“
Dünkel wird nervös, öffnet das Laufwerk am PC, leider ist es leer, nun gibt es viele Möglichkeiten, aber wir haben keine Zeit um in seiner Wohnung oder seinem Auto oder im Leichenwagen nach besagter CD zu suchen.
Also flitze ich mit leeren Händen zurück in die Halle, dort wartet bereits die Tochter mit dem Enkel auf mich. Ich erkläre den beiden, dass wir nun keine Musik haben, als sich ein Trauergast ins Gespräch einmischt:“ Kein Problem, ich fahre schnell zu Sky, die haben eine Musikabteilung, da kaufe ich die CD“
Ich traue meinen Ohren nicht und auch Hinnerk Lüders ist mittlerweile am Rande seiner Nerven, denn es ist 10:57 Uhr und wir müssen beginnen, denn um 12:00 Uhr steht die nächste Trauerfeier an und er muss noch umdekorieren wenn wir raus sind.
Die Tochter zückt ihr Handy, pfeift den mittlerweile verschwundenen Trauergast zurück und entscheidet:“ Dann eben ohne Musik“. Ich erkläre ihr, dass die Organistin noch da sei, da sie vorher schon eine Feier begleitet habe und wir sicherlich auf die Orgel hoffen dürfen, die Tochter nickt und meint:“ Ja denn, sagen sie ihr, sie soll was von Roger Whittaker spielen“ Dann dreht sie sich um und geht in die Halle und nimmt Platz. Der Trauergast und der Enkel folgen ihr.
Ich schnappe mir die Organistin, welche mir schmunzelnd erklärt, dass sie Schlager nicht im Programm habe, aber etwas passendes orgeln würde, ich zücke meinen Kugelschreiber und schreibe zwei Sätze um in denen ich Bezug genommen habe auf den Text von „Abschied ist ein scharfes Schwert“, mehr kann ich nicht mehr tun, wir müssen anfangen sonst kommt Hinnerk mit der nächsten Trauerfeier in Verzug.
Die Organistin spielt also das „Largo von Händel“, ich beginne mit der Rede, die Tochter sitzt regungslos in der ersten Reihe, der Witwer guckt traurig und der Enkel weint.
Die Orgel erklingt ein weiteres Mal, ich setzte meine Rede fort und schliesslich sind wir am Ende der Feier und die Organistin spielt ein drittes Stück, Hinnerk öffnet die Türen der Halle und die Gäste erheben sich, verabschieden sich am Sarg und gehen hinaus, wir sind gut in der Zeit geblieben und draußen stehen schon die ersten Trauergäste der nächsten Feier.
Ich verabschiede mich von Hinnerk und fahre zurück in unser kleines Dörfchen.

Sonntag, 22. Februar 2015

Klapptisch und Luftballons



Unser kleiner Dorfbestatter ruft an und fragt, ob ich Zeit habe, ich sehe schnell nach und bestätige ihm, dass ich am fraglichen Samstag Zeit habe.
Er nennt mir die Daten des Verstorbenen und dessen Familie, alles wie immer, nichts besonderes.
Am nächsten Tag rufe ich also die Witwe an, sie klingt schwermütig am Telefon und spricht langsam. Ich frage sie nach einem Termin für den Hausbesuch, sie will keinen Termin festlegen, weil sie erst noch mit ihren Kindern sprechen will, das ist in Ordnung für mich, ich warte also auf den Rückruf der Familie. Dieser kommt am selben Tag und wir verabreden uns für den nächsten Tag um 15:00. Am nächsten Vormittag erhalte ich einen Anruf des Sohnes, dieser teilt mir mit, seine Mutter haben einen Arzttermin, diesen habe man völlig vergessen, ob es auch ein anderes mal ginge?
Wir verabreden uns schliesslich für den Donnerstagnachmittag, dieses ist der späteste Termin für mich, schliesslich muss ich die Rede auch noch schreiben.
Ich erscheine also pünktlich zum verabredeten Termin und vor der Tür steigt auch grade der Sohn aus dem Auto und begrüßt mich. Gemeinsam betreten wir das Haus, man führt mich sogleich in ein kleines enges Wohnzimmer, welches von einer dunklen Schrankwand dominiert wird.
Die Witwe sitzt wie eine dunkle schwarze Eule auf einem Ohrensessel mit Fußteil, auf dem Sofa sitzt die Tochter mit Ehemann, der Sohn nimmt sich den Sessel, der Enkel bleibt ungemütlich im Türrahmen stehen. Ich nehme in einem anderen Sessel Platz, Kaffee oder Wasser wird mir nicht angeboten, also beginne ich das Gespräch. Ich frage zunächst nach den Wünschen der Familie für die Trauerfeier, alle blicken mich betreten an, schliesslich eröffnet die Tochter das Gespräch:“ Was wollen Sie denn wissen?“ Sie spricht mit einem starken amerikanischen Akzent und erklärt, dass sie bereits einige Jahre in Amerika lebe, ihr Mann spreche kein Deutsch und ihr erwachsener Sohn nur das nötigste an Deutsch.
Ich frage also nochmal, welchen Ablauf man sich wünsche, welche Musik gewünscht werde und wie der Verstorbene in der Rede erwähnt werden solle.
Wieder antwortet die Tochter in ihrem Deutsch-Englisch-Kauderwelsch, man habe sich zur Musik noch keine Gedanken gemacht, was man den da so spiele?
Ich erkläre höflich, dass die Musikauswahl gerne sehr persönlich sein dürfe und wir die Wahl haben, zwischen der Orgel oder Musik von der CD. Allerdings wäre Eile geboten, da der Organist noch bestellt werden müsse.
Die Familie ist sich nicht einig und schliesslich ergreift der Sohn das Wort:“ Es sind doch genügend CD`s da, wir suchen einfach was Schönes aus:“
Er dreht sich zur Seite und will den dunklen Schrank mit den CD´s öffenen, da ruft seine Mutter aufgebracht:“ Nein, die Musik gehört dem Vater, da können wir nicht drangehen“
Ich wage einen neuen Vorstoß und frage nocheinmal was denn nun gesagt werden sollte, schliesslich erzählt die Tochter, ihr Vater sei der beste Vater und Ehemann gewesen, stets besorgt um Frau und Kinder, er haben das Haus in Ordnung gehalten und den Garten gepflegt und sei insgesamt ein fürsorglicher Mensch gewesen.
Ich schreibe fleißig mit und frage nach Interessen und Hobbys des Verstorbenen, plötzlich fängt die Witwe an zu weinen und die Tochter erhebt sich vom Sofa und kniet sich neben den Sessel der Mutter.
Sie dreht sich dann zu mir und herrscht mich an:“ Was wollen Sie denn noch alles wissen, es reicht doch nun, oder?“
Ich finde nicht, dass fünf Fragen reichen um eine gute Rede zu schreiben, und erkläre ihr daher höflich, dass ich schon noch so einiges wissen müsste.
Der Sohn erhebt sich nun und bittet mich in die kleine Küche, dort erzählt er mir noch einiges und auch der Enkel bringt sich nun ein so gut er es kann.
Ich schreibe mit und der Sohn fragt nun nach dem Ablauf der Trauerfeier, ich erkläre ihm wie es vor sich geht und dass er selbstverständlich die Möglichkeit habe, die Urne seines Vaters selber zum Grab zu tragen, er verspricht, darüber nachzudenken und dem Bestatter Bescheid zu geben.
Die Musikauswahl sei insgesamt etwas schwierig, er bittet mich, den Organisten zu bestellen und Musik zu spielen, welche „üblich“ sei.
Ich verabschiede mich höflich, draußen blicke ich auf die Uhr, dieses Gespräch hat insgesamt knapp dreißig Minuten gedauert…
Wie versprochen rufe ich den Bestatter an und bestelle den Organisten mit dem Hinweis, das keine besonderen Musikwünsche berücksichtigt werden müssen.
Am nächsten Tag begebe ich mich an meinen Schreibtisch, bei einer guten Tasse Tee schreibe ich die Rede und betone den Familiensinn des Verstorbenen und seine Freude am heimischen Garten. Ich vergleiche das Leben als solches mit einem Garten, indem das Sein, Werden und Vergehen besonders deutlich wird und betone, wie treusorgend er als Ehemann war.
Ich blase die Rede ein wenig auf mit Gedanken zu Leben und Tod im besonderen und hebe hervor, dass die Familie sehr groß ist und viele Enkel und Urenkel den 85-jährigen nun betrauern.
Mehr geht beim besten Willen nicht, schliesslich kann ich nicht mehr als fragen, wenn man mir nichts erzählt, dann wird es eben eine kurze Rede, basta!
Am Tag der Beisetzung treffe ich wie immer etwas früher ein, ich habe es nicht gerne auf dem letzten Drücker, auf dem Weg zur Friedhofskapelle kommt mir schon der Friedhofsmeister entgegen, wir grüßen uns freundlich und sehen uns später noch auf dem Weg zum Grab.
Ich gehe weiter und erreiche die kleine Kapelle, erst Gäste warten schon vor der Tür und rauchen noch eine Zigarette, ich grüße höflich und betrete die Kapelle, dort werde ich von einem Mitarbeiter der Verwaltung empfangen, ein freundlicher junger Mann im akkuraten schwarzen Anzug.
Gemeinsam warten wir nun auf den Bestatter und bereits wenige Minuten später kommt er schnellen Schrittes herein. Wir begrüßen einander und er beginnt sofort mit den Vorbereitungen für die Trauerfeier.
Er klappt einen kleinen weißen Campingtisch auf und wirft gekonnt eine große Stoffbahn aus Samt darüber, sofort wirkt der Tisch ganz anders.
Der Mitarbeiter der Verwaltung fragt schmunzelnd ob es sich um einen Gartentisch handelt und der Bestatter erklärt:“ Ja, das ist unser Gartentisch, den nehmen wir gerne zum grillen, aber er leistet mir hier auch gute Dienste“
Wir schmunzeln alle etwas und ich sage etwas flapsig:“ Grade noch unter der Grillwurst, jetzt schon unter der Urne“.
Währenddessen holt der Bestatter die Urne hervor und stellt sie auf den Tisch, er stellt einige Gläser mit Teelichtern dazu und dekoriert eine künstliche Ranke dazu und fertig ist die Herrlichkeit.
Kein Mensch würde ahnen, dass sich unter der Samtdecke ein billiger Klapptisch verbirgt, welcher platzsparend in jeden Kofferraum passt und bereits vermutlich mehr Urnen als Salatschüsseln getragen hat.
Die Seitentür öffnet sich und der Organist tritt ein, auch wir begrüßen uns freundlich und ich erkläre ihm, dass die Familie keine Musikwünsche habe.
Er grinst mich an und meint:“ Kein Problem, da fällt uns schon was ein, oder?“ Ich grinse zurück und erkläre ihm, dass die Rede eher kurz wird aufgrund fehlender Mitarbeit der Familie und er sich deshalb an seiner Orgel austoben darf.
Gemeinsam gucken wir in seine Noten und ich wünsche mir wieder mal meine Lieblingslieder: „Von guten Mächten“ und das „Largo von Händel“ für den Auszug wählen wir „So nimm denn meine Hände“.
So sind wir insgesamt zufrieden und vor der Kapelle stehen mittlerweile immer mehr Trauergäste, durch die große Glasscheibe können wir das gut beobachten, einige rauchen, kleine Kinder laufen wild umher, andere schlafen in ihrem Kinderwagen, insgesamt scheint es eine sehr fruchtbare Familie zu sein…
Plötzlich glaube ich meinen Augen nicht zu trauen, über einigen Grabsteinen auf dem Weg zur Kapelle schwebt eine Traube roter Herzballons, gefüllt offenbar mit Helium.
Eine Frau wird sichtbar, sie hält die Traube an mehreren Fäden in der Hand und stellt sich zu den anderen Gästen, der Organist und ich blicken uns an und er sagt seufzend“: Ja, wo der Glaube fehlt, da passiert dann sowas“
Spontan muss ich an unsere alljährliche Dorfkirmes denken, die Stimmung da draußen ist wenig beschaulich, alle reden und rauchen und einige Gäste haben sich offenbar noch nie mit der Kleiderordnung einer Trauerfeier befasst.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Menschen zu einer Trauerfeier erscheinen, als ob sie grade eine Herde Schafe über den Deich getrieben haben und auch der Sohn des Verstorbenen erscheint in einer beuligen Jeanshose und einer Wetterjacke.
Schliesslich öffnet der Mitarbeiter die Tür und die Gäste strömen herein, man nimmt Platz, einige haben ihre Kinder auf dem Schoß, andere parken den Kinderwagen am Rand der Stuhlreihen.
Die Dame mit den Luftballons sitzt in der Mitte einer Reihe, die Heliumballons schweben über ihrem Kopf mitten in der Halle.
Die Witwe kommt als letzte herein, sie geht am Rollator und steuert auf den Tisch mit der Urne zu, sie bleibt kurz davor stehen und ruft:“ Ach Otto, warum hast du mich verlassen?“
Dann wendet sie sich ab und nimmt in der ersten Reihe Platz, der Organist beginnt zu orgeln, ich spreche nach dem ersten Musikstück und an der verabredeten Stelle spielt er das „Largo“ und ich spreche weiter, am Ende der Rede bringe ich einen schönen Text zum Thema „Leben und Tod“, dann verbeuge ich mich vor der Urne und der Organist spielt wieder.
Wie mit dem Bestatter verabredet tritt der Sohn nun vor und nimmt die Urne vom Tisch, er hat sich also entschieden die Urne seines Vaters selber zum Grab zu tragen.
Die Türen öffnen sich und der Bestatter und ich gehen voran, draußen wartet bereits der Friedhofsmeister auf uns, zu dritt gehen wir nun voran, hinter uns geht der Sohn mit der Urne, alle anderen folgen uns.
Auf dem Weg zum Grab raunt der Bestatter mir zu:“ Hat der Sohn eigentlich keine schwarze Hose im Schrank?“
Ich grinse zurück, dann gehen wir gemessenen Schrittes weiter und erreichen schließlich das Urnengrab. Eine Schale mit Blütenblättern steht schon bereit und der Sohn übergibt die Urne an den Bestatter, wie gewünscht lese ich noch einen kurzen Text, dann senkt der Bestatter die Urne ab und verbeugt sich.
Gemeinsam mit mir tritt er zur Seite, wir bleiben etwas abseits stehen nun gehen alle anderen nacheinander ans Grab und werfen noch eine einzelne Blume in das kleine Erdloch.
Die Frau mit den Luftballons tritt hervor und geht gemeinsam mit den Kindern ans Grab, dann drückt sie jedem Kind einen Ballon in die Hand und dann lassen alle gleichzeitig los und die roten Herzen schweben gen Himmel…
Der Bestatter und ich gehen zurück zur Kapelle, wir sind uns einig, dass rote Herzballons nicht auf einen Friedhof gehören.
Wir verabschieden uns und ich fahre nach Hause, mein Wochenende beginnt.
Wenige Tage später ruft mich die Frau des Bestatters an, sie ist fix und fertig, diese Familie habe sich böse beschwert, die Rechnung sei viel zu hoch, warum man das Einsargen berechnet habe, schliesslich habe der Sohn die Urne ja selber getragen und warum man den Rest der Sterbegeldversicherung als Scheck beigelegt habe, man hätte bares gewollt und der Herr Redner und der Herr Bestatter hätten sich auf dem Weg zum Grab „angeregt unterhalten“, insgesamt sei man sehr unzufrieden und würde es bereuen, keinen anderen Bestatter gewählt zu haben, man würde aber innerhalb des Dorfes gerne erzählen, wie schlecht der Service bei „Bestattungen Jens Jensen“ sei und dafür sorgen, dass in Zukunft die Kundschaft ausbleibt.
Ich tröste die Bestatterin so gut es geht und rate ihr, sich nichts aus dem Geschwätz zu machen, aber insgeheim tut sie mir leid, ihr Beruf ist stressig genug und ausgerechnet die Familie in beuligen Jeanshosen und Kirmesballons beschwert sich nun.

Man kann es leider nicht jedem Recht machen…


Dienstag, 28. Januar 2014

Gräfin Koks




Das Bestattungshaus Müllerklaus ruft an und die Mitarbeiterin lässt fragen, ob ich am kommenden Samstag  noch einen Termin frei habe. Ich sehe nach und tatsächlich, es passt.
Nähere Infos soll ich im Laufe des Tages per Email erhalten, man wollte nur zunächst mal den Termin absichern.
Kurze Zeit später ruft „Bestattungen Müllerklaus“ wieder an und fragt, ob es möglich wäre, den Termin um dreißig Minuten nach hinten zu verlegen, mir ist auch das genehm und so verbleiben wir.
Am Abend erhalte ich dann die Daten der verstorbenen Frau und ihrer Tochter. Ich telefoniere also mit besagter Tochter und wir verabreden uns für den nächsten Nachmittag.
Pünktlich treffe ich am folgenden Tag vor besagter Adresse ein, es handelt sich bei dem Haus um eine Bausünde aus den späten 70er Jahren, hübsch hässlich und wenig einladend, bietet es Platz für ca. 15 Eigentumswohnungen.
Ich schelle also und durch die Gegensprechanlage werde ich gebeten, durch die erste Tür rechts zu gehen, dort erwartet mich bereits Frau K. nebst ihrer Tochter.
Wir begrüßen einander und ich habe das Gefühl, Frau K. schon einmal gesehen zu haben und richtig, man kennt sie aus verschiedenen Käseblättern, denn sie ist die Schreibkraft des örtlichen Fußballvereines Holzbein-Mörderstedt e.V.
Der Verein tut sich nicht unbedingt durch Spielfreude oder besondere Erfolge hervor, mehr jedoch mit dem rüpelhaften Verhalten einiger Spieler oder dem unglaublich doofen Benehmen einiger „Spielerfrauen“.
Im hiesigen Käseblatt liest man immer mal wieder etwas über diese Ereignisse, mich persönlich hat das nie berührt, bin ich doch vom Fußball im allgemeinen nicht begeistert und von diesem Vorstadtverein schon gar nicht.
Frau K. jedenfalls lebt in der festen Überzeugung, der Verein wäre der Nabel der Welt und alle und jeder müssten genau wissen, welchen Platz in der Tabelle der Verein zur Stunde bekleidet. Da ich selber eher dem Wassersport zugetan bin, weiß ich das tatsächlich nicht.
Frau K. bietet mir einen Kaffee an und setzt sich zu mir an den Tisch, auch ihre Tochter nimmt Platz. Ich frage wie gewohnt nach den persönlichen Wünschen zur Gestaltung der Feier und Frau K. schießt los: „Also, zunächst mal die Musik, Mutter mochte bayerische Schlager, davon habe ich bereits zwei ausgesucht, dann will ich noch ein Stück von Unheilig“
Die Enkelin kramt nach dem Text des Stückes, ich winke höflich ab, denn ich habe den Text im Büro vorliegen, schließlich meint neuerdings jeder, Songs von "Unheilig" wären auf einer Trauerfeier wahnsinnig progressiv…
Ich frage also nach den Vorlieben der Mutter, nach ihrem Wesen, ihrem Beruf und erfahre, dass auch sie sich dem Verein Holzbein-Mörderstedt sehr verbunden fühlte und als Wirtin die Vereinskneipe führte.
Die Tochter erzählt mir nun einige Begebenheiten aus dem Leben ihrer Mutter, welches sich offenbar zumeist in der Kneipe abgespielt hat.
Sie schildert ihre Mutter als ein rauhbeiniges Fischweib mit großer Klappe und viel Herz für den Verein.
Insgesamt kommt Frau K. immer wieder auf den Verein zu sprechen und ist sichtbar empört darüber, dass ich nicht alle Namen der Spieler kenne, bzw. deren Position auf dem Spielfeld.
Frau K. und ihre Tochter betonen immer wieder, wie sehr sie mit der verstorbenen Frau das Vereinsleben geteilt haben, bzw. wie eng das Zusammenleben war.
Mutter bewohnte eine Wohnung drei Bausünden weiter, war aber wohl sehr häufig in der Wohnung ihrer Tochter zu Gast.
Über ihren Mann spricht Frau K. nicht und ich frage nicht, da ich nicht weiß, ob ihr das genehm ist.
Insgesamt ist Frau K. eine imposante Erscheinung, dazu laut und direkt. Nach zwei Stunden beende ich das Gespräch, ich habe genügend Infos erhalten und verabschiede mich zügig.
Auf dem Rückweg stelle ich fest, dass mir diese Familie so gar nicht liegt und innerlich hoffe ich sogar darauf, dass Frau K. diese Erkenntnis ebenfalls hat und sich für einen anderen Redner entscheidet.
Diesen Gefallen tut sie mir aber nicht, sodass ich mich am übernächsten Tag daran mache, die Rede zu schreiben.
Ich verwerte die Informationen aus dem Gespräch und baue einige Begriffe aus dem Fußball mit ein, in der Hoffnung, damit den Puls dieser Familie zu treffen.
Am Tag der Beisetzung treffe ich wie immer zeitig ein, die Mitarbeiter von „Bestattungen Müllerklaus“ sind dabei die Halle herzurichten, der Sarg wird hereingetragen, die Blumengestecke werden positioniert, über den Sarg kommt eine Bahn dunkler Samt, diese liegt schräg auf dem Sargdeckel und endet wie eine Schleppe auf den Stufen der Friedhofskapelle. Dann stellt der Bestatter eine schöne Staffelei auf, ein Porträt der verstorbenen Dame wurde auf einen Keilrahmen gezogen und ziert nun mit Trauerflor die Staffelei.
Weiterhin platziert der Bestatter ein Körbchen unter der Staffelei, darin befinden sich Wollknäule und Stricknadeln. Ich frage ihn, was es damit auf sich hat und erfahre, dass die verstorbene Frau eine begeisterte Strickerin war, ob ich das denn nicht wüsste?
„Nein“, entfährt es mir, „woher auch, es hat mir niemand was davon gesagt“. „Auch gut, sagt der Bestatter, die haben sich bei uns aufgeführt wie letzten Menschen, unfreundlich und nur im Befehlston, ich bin froh, wenn wir das gleich hinter uns haben“.
Im stillen bin ich erleichtert darüber, dass diese Familie nicht nur mir doof gekommen ist, aber die gesamte Situation ist natürlich nicht schön,  offenbar hat Frau K. es geschafft, es sich mit dem Bestatter und mir zu verderben, ich bin gespannt, wie das nun wird.
Endlich ist alles fertig dekoriert und ein Mitarbeiter des Bestatters macht Bilder vom geschmückten Sarg und der Deko, diese bekommen die Angehörigen später zur Erinnerung.
Draußen treffen die ersten Gäste ein und der Bestatter öffnet die Flügeltür der Kapelle. Aber noch stehen alle draußen zusammen, einige rauchen  sich noch eine, andere unterhalten sich.
Die Mitarbeiter des Bestatters und ich stehen an der Tür um die ersten Gäste zu begrüßen, schließlich erscheint auch Frau K. nebst Tochter und ihrem Gatten. Ein schlaksiger Typ, schlank und äußerlich so gar nicht passend zu seiner Gattin mit Format.
Frau K. gibt dem Bestatter die Hand und begrüßt ihn, an mir schreitet sie wort- und grußlos vorbei. Ich muss wohl etwas belämmert geguckt haben, aber der Bestatter winkt ab. „ Machen Sie sich nichts draus, bei uns haben die sich nur daneben benommen“
Immerhin hält der Gatte es für nötig m ich zu begrüßen, er hält mir die Hand hin und stellt sich mir vor:“ Walter“ sagt er, schüttelt mir die Hand und geht zur vordersten Reihe, dort nimmt er Platz neben seiner Tochter, die Gattin sitzt am Rand der ersten Reihe.
Nach und nach trudeln die Gäste nun ein und nehmen Platz, es erscheint sogar der ehemalige Präsident des Vereins Holzbein-Mörderstedt, mit dem hat nun wirklich keiner gerechnet, er ist schon lange nicht mehr aktiv und auch gesundheitlich sichtlich nicht auf der Höhe, aber man hielt es wohl für angeraten ihn herbei zu schaffen. Gemeinsam mit seiner Betreuerin bugsiert man ihn in die zweite Reihe und damit wäre allem Genüge getan.
Der Bestatter schließt nun die Tür der Kapelle und der Mitarbeiter startet die CD, es erklingt der erste bayerische Schlager, mit den letzten Takten gehe ich nach vorne, verbeuge mich vor dem Sarg und trete an das Rednerpult.
Ich halte meine Rede, nehme wie gewünscht Bezug auf den Text des Liedes und leite über auf den Text von „Unheilig“, das Stück erklingt nun und ich fahre fort.
Ich erwähne alles, was Frau K. mit im Gespräch dargeboten hat und schließlich erklingt das letzte Stück, wieder ein Schlager, dann verbeuge ich mich abermals und der Bestatter öffnet die Türen, die sechs Träger kommen herein und alles ist wie immer: Verbeugen, Kränze abtragen, dann wird der Sarg herausgetragen und ich folge. Die Familie reiht sich hinter mir ein und gemeinsam gehen wir mit den anderen Gästen zum Grab.
Auf dem Weg dorthin reiht sich plötzlich Frau K. neben mir ein und mault mich an:“ Sie haben in Ihrer Rede meinen Mann nicht erwähnt, der hat alles für meine Mutter getan“
Ich bin wie vom Donner gerührt, lasse mir aber nichts anmerken und höre mich freundlich sagen:“ Liebe Frau K. wenn ich gesagt habe, Liebe Familie K., dann habe ich Ihren Mann selbstverständlich auch gemeint“
Frau K. reiht sich wieder hinter mir ein und teilt ihrem Mann hörbar mit, dass er auch gemeint war, als ich von „Familie K.“ gesprochen habe.
Mittlerweile sind wir am Grab angekommen, ich lese wie besprochen den von Frau K. ausgesuchten Text, dann gebe ich den Trägern ein Zeichen und sie lassen den Sarg ab.
Ich verbeuge mich nochmal, trete dann gemeinsam mit den Trägern zur Seite und lasse der Trauergemeinde ihren Platz.
Ich gehe zurück zu meinem Wagen, und bin froh, diese Trauerfeier bewältigt zu haben. Zwei Tage später erkundige ich mich beim Bestatter und erfahre, dass sich Frau K. auch hier darüber beschwert hat, dass ich ihren Gatten nicht erwähnt habe. Aber der Bestatter bleibt locker und schmunzelt, auch er ist froh, dass er diese Menschen aus dem Haus hat!

Freitag, 24. Januar 2014

Doppelt gemoppelt




Per Email erreicht mich eine Anfrage, diese ist sehr eilig, die Urnenbeisetzung soll schon zwei Tage später stattfinden.
Ich wähle die hinterlassene Nummer und spreche mit der Tochter der verstorbenen Frau, sie erklärt mir sie habe am Vorabend einen Redner zum Hausbesuch bei sich gehabt, der wäre ihr vom Bestattungshaus empfohlen worden, sei aber leider nicht nach ihrem Geschmack gewesen.
Ich schlucke erstmal und stelle dann weitere Fragen, daraufhin erfahre ich, dass „mein Kollege“ wohl sehr am Geschmack der Familie vorbei geredet hat und man sich eine Trauerfeier unter seiner Leitung nicht vorstellen kann.
Obwohl mit etwas mulmig dabei ist, verabrede ich mich mit der Dame für den späten Nachmittag und lege auf.
Auf dem Weg zu der Familie überlege ich, was wohl schief gegangen sein könnte, den der andere Redner ist mir bekannt und schon viele Jahre im Beruf.
Schließlich sitze ich mit Frau H. am Esstisch und bei einer Tasse Kaffee erfahre ich die näheren Umstände. „Mein Kollege“ hat vorab per Email einige Informationen über die verstorbene Mutter von Frau H. erhalten und daraus schon mal das Gerüst der Rede gestrickt, die Feinabstimmung sollte dann eben mit Frau H. erfolgen. Während der Lektüre des Manuskriptes merkte Frau H. dann sehr fix, dass es so gar nicht nach ihrem Geschmack war, es war die Rede von Schutzengeln und am Ende der Rede sollte das „Vater Unser“ gebetet werden.
Außerdem störten sie Formulierungen wie:  „wir trauern“, „wir vermissen“ oder „wir sind traurig“, auf Nachfrage habe der Kollege empört gefragt, ob man ihn ausschließen wolle.
Auf diese Frage erhielt er von Frau H. ein klares JA, vielmehr erklärte sie ihm dann, dass es sich schließlich nicht um seine Mutter handeln würde, er nicht in Trauer sei und er nicht zur Familie gehöre. Zack, das hat gesessen!
Im Laufe der Nacht sei ihr dann klar geworden, erklärte mir Frau H. dass dieser Redner nicht in Frage komme und sie daraufhin im Internet nach Rednern gesucht habe, dabei sei sie auf mich gestoßen.
Sosehr mich das auch freut, bin ich dennoch vorsichtig und frage Frau H. was denn ihr Wunsch ist für die Trauerfeier ihrer Mutter. Ich erfahre, dass man mit Bedacht keinen Pfarrer wollte, weil die ganze Familie eher kirchenfern sei und man den frommen Schmus nicht hören will. Deshalb sei das entsetzen auch groß gewesen, als der andere Redner von Schutzengeln sprach und auch beten wollte.
Ich stelle noch einige Fragen und erfahre dabei, dass Frau H. von Beruf Psychiaterin mit eigener Praxis ist, daraufhin frage ich noch gezielter und bemühe mich jeglichen „Fettnapf“ großräumig zu umfahren.
Vor meinem inneren Auge sehe ich förmlich den Kollegen auf ihrer Patientencouch liegen…
Schließlich habe ich genügend Material zusammen und glaube auch die Geisteshaltung von Frau H. erkannt zu haben, sodass ich mich verabschiede.
An der Tür erklärt mir Frau H. sie habe meinem Kollegen bereits abgesagt, dieser habe daraufhin per Mail seine volle Rechnung zugestellt, sie sei aber gerne bereit, nun zwei Redner zu bezahlen, Hauptsache es wird nicht gebetet oder von Schutzengeln erzählt!
Ich versichere ihr, dass ich das nicht beabsichtige und gehe durch den Vorgarten zurück zu meinem Wagen.
Insgesamt ist mir die Situation trotzdem unangenehm, der Kollege wird zwangsläufig erfahren, dass ich den Auftrag nun habe, da sich Frau H. auch beim Bestatter mittlerweile Gehör verschafft hat und dort berichtet hat, dass der empfohlene Kollege nicht passend war und nun Herr Hein von ihr beauftragt wurde.
Andererseits bin ich nicht verantwortlich für die Arbeitsweise des Kollegen, er hätte sich schon beim Bestatter nach Familie H. erkundigen können und hätte erfahren, dass es sich um eine Psychiaterin handelt und dass die Familie keinerlei christliche Elemente während der Feier wünscht.
Am Tag der Beisetzung bin ich pünktlich vor Ort, fast alles sind da, nur der Bruder von Frau H. fehlt noch, er hat eine längere Anfahrt und hat sich in der Zeit verschätzt. Ich stehe etwas abseits von den Trauergästen und habe damit die Gelegenheit die Menschen zu beobachten, alle sind sehr sorgsam und gepflegt gekleidet, eine Dame trägt ein sehr schönes, extravagantes und buntes Tuch zum dunklen Mantel, insgesamt machen alle einen sehr gediegenen Eindruck.
Endlich kommt auch der verschollene Bruder von Frau H. mit seiner Familie an der kleinen Kapelle an und wir gehen gemeinsam zum Urnengrab. Dort wartet bereits ein Mitarbeiter des Bestattungshauses mit der Urne und starrt mich an, als habe er eine Erscheinung, klar, denn er hatte ja den anderen Redner erwartet. Die Familie versammelt sich um das kleine offene Urnengrab, das Gestell mit der Urne steht direkt daneben und der Mitarbeiter platziert sich neben das Gestell, damit steht er vor mir, ich müsste also quasi über seinen Kopf hinweg sprechen, das wäre eigentlich kein Problem, weil er nur einen Kopf größer als ein Gartenzwerg ist, aber ungünstig ist es trotzdem.
Ich räuspere mich, der Zwerg guckt mich an und ich deute ihm mit einer Kopfbewegung an, er möge zur Seite gehen, er versteht den Wink und trollt sich auf den schmalen Weg entlang der Gräber.
Ich beginne zu sprechen und bemerke schon während der Rede an den Gesichtern der Anwesenden, dass ich richtig liege mit dem was ich sage. Erleichterung macht sich in mir breit, ich beende meine Rede, verbeuge mich vor der Urne und trete auf den schmalen Weg, der Zwerg lässt die Urne nun ins Grab, dann schnappt er sich das Gestell und verschwindet wie immer grußlos.
Die Familie tritt nun an das Grab, jeder wirft Blütenblätter oder etwas Erde auf die Urne und tritt dann zur Seite.
Zwei kleinere Jungs verlassen die Gruppe und machen sich an schön geschmückten Urnengräbern zu schaffen, sie verschieben die Blumenschalen und Laternen auf den Granitplatten und ordnen sie nach ihrem Geschmack neu an, ich beobachte das eine Weile und endlich kommt ein erwachsener dazu und untersagt den Kindern dieses kreative Tun.
Langsam entferne ich mich, die Familie steht noch eine Weile am Grab, ich will nicht stören und gehe deshalb.
Wenige Tage später bedankt sich Frau H. per Email bei mir für die Gestaltung der Trauerfeier, darüber freue ich mich sehr und sende ihr per Post das Manuskript der Rede zu.