Donnerstag, 4. Juli 2013

Frieden im Wald



Ein Bestattungshaus aus E. ruft an und fragt, ob ich bereit wäre für eine Urnenbeisetzung in den Friedwald zu kommen, ich schaue in meinen Kalender und sage zu, es sind noch fast 4 Wochen bis dahin.
Termine für Urnenbeisetzungen werden oftmals etwas früher festgelegt, mir ist es genehm, wir verabreden einen Betrag und ich erhalte die Rufnummer der Tochter der verstorbenen Dame.
Ich melde mich rechtzeitig bei der Tochter und auch hier wird wieder nur ein Gespräch am Telefon gewünscht. Ich mag das eigentlich nicht, aber auch auf Nachfragen bleibt es dabei, die Tochter will kein persönliches Treffen.
Am Telefon berichtet sie mir also, dass sie mit ihrer Mutter in den letzten zwölf Monaten keinen Kontakt mehr hatte, vorausgegangen wären 49 Jahre Streit, Ärger, gegenseitiges Missverstehen und Unverständnis.
Erst einen Tag vor dem Tod der Mutter habe sie überhaupt davon erfahren, dass diese krank sei und dass es ihr sehr schlecht gehe.
Sie habe ihre Mutter dann am Sterbebett noch besucht, aber man sei einander fremd gewesen, sie habe keine Trauer empfunden und sie habe nicht das Gefühl gehabt, dass letztlich noch Friede und Versöhnung stattfinden könnte.
Weiterhin erfahre ich, dass die Mutter bereits vor vier Monaten verstorben sei und die Urne der Mutter nun endlich bestattet werden könne, es habe größere Schwierigkeiten gegeben.
Die Schwester ihrer Mutter habe alles an sich gerissen, sei zu einem Bestatter ihrer Wahl gegangen und habe alles nach ihren Wünschen bestellt, ohne sich mit ihr (der Tochter) abzustimmen.
Immer wieder habe es Auseinandersetzungen gegeben über die Wahl des Friedhofes und die Wahl des Grabes. Schließlich so sagte mir die Tochter, habe sie kurzerhand den Bestatter gewechselt. Die Urne der Mutter sei also abgeholt worden und stehe nun bei dem Bestatter welchen sie für gut und richtig hielte.
Ihre Tante sei daraufhin ausgeflippt und habe den neuen Bestatter aufgesucht und bedroht. Das erste Bestattungshaus habe ihr gesagt, wo die Urne der Mutter nun zu finden wäre, und sie habe dort nun mit der Polizei, mit dem Anwalt und dem Ordnungsamt gedroht um zu erfahren, wo denn die Bestattung geplant sei.
Der neue Bestatter zeigte sich unbeeindruckt und der Tante die Tür.
So weit, so gut. Ich war also nun im Bilde über die Umstände des Todes der alten Dame, aber noch hatte ich keinerlei Information über die Persönlichkeit der Frau.
Auch Nachfrage erfahre ich, dass es eine katholische Trauerfeier zur Einäscherung gegeben habe, diese sei furchtbar gewesen, der Priester habe nur Unsinn erzählt, man habe ständig aufstehen und beten müssen, sie habe diese Feier in unguter Erinnerung.
Die Mutter solle nun einen Platz im Friedwald bekommen, weder die furchtbare Tante noch einige andere sollte von dem Termin erfahren, man wäre zur Beisetzung nur zu fünft.
Ich frage noch einmal näher nach und die Tochter berichtet mir, ihre Mutter sein intrigant gewesen, ungerecht, hartherzig und habe gerne Menschen gegeneinander ausgespielt.
Sie wolle nichts beschönigen, aber sie wolle nun Ruhe finden, die Mutter endlich beisetzen und auch nicht weiter mit ihrer Tante streiten, obwohl diese sich mit einem Trick einen großen Teil des Erbes an Land gezogen hätte. Sie wolle einfach Ruhe und mit all dem endlich abschließen.
Ich frage noch ob es andere Menschen gibt, die evtl. mit mir über die Verstorbene reden möchten, sie verneint und wir verabreden einen Termin für ein weiteres Telefongespräch.
Aber auch in diesem zweiten Gespräch ergibt sich nichts neues, niemand möchte mit mir über die Verstorbene sprechen, die Tochter berichtet mir noch einige unschöne Begebenheiten welche sie mit ihrer Mutter erlebt hat, dann verabschieden wir uns bis zum Tag der Beisetzung.
Meine Aufgabe ist es nun eine Rede zu formulieren, kurz soll diese sein, kein verlogener Nachruf, vielmehr ein Schlusspunkt für alle Beteiligten.
Ich habe den Eindruck, als ob die Tochter von mir eine Art „Freisprechung“ erwartet, quasi die Genehmigung für ein neues, freies Leben ohne ihre dominante Mutter.
Es gelingt mir eine Rede zu formulieren, tatsächlich geht es darin nicht um die negativen Eigenschaften der verstorbenen Dame sondern um die Gefühle der Tochter und des Enkels. Ich spreche von einem guten Abschluss dieser Familiengeschichte und über den Neubeginn für Tochter und Enkel.
Am Tag der Beisetzung fahre ich zeitig los, immerhin ist der Friedwald eine Autostunde entfernt.
Als ich auf den Parkplatz fahre begrüßt mich bereits der Bestatter, wir sprechen kurz über die sehr besondere Situation dieses Auftrages, tauschen meine Rechnung gegen Bargeld und warten auf die Tochter.
Diese kommt ebenfalls auf dem Parkplatz an, sie hat ihren Sohn dabei, die Freundin ihrer Mutter und eine weitere Dame, ebenso ihre zwei großen Hunde.
Der Mitarbeiter des Friedwaldes erwartet uns schon, eigentlich könnten wir beginnen, es fehlt aber noch eine Dame. Die Tochter erfährt per Handy dass diese sich verfahren habe und steigt wieder in ihren Wagen um die Bekannte mittels Navi abzuholen.
Ich bleibe mit dem Bestatter, dem Mitarbeiter des Friedwaldes und den anderen Gästen auf dem Parkplatz stehen, der Mitarbeiter erklärt die Geschichte des Friedwaldes und berichtet uns, dass diese Bestattungsform immer beliebter wird. Ganze Familien liegen bereits unter einzelnen größeren Bäumen, eine Grabpflege sei nicht nötig, die Natur regelt alles von alleine. Die Urne aus Maisstärke vergeht im Erdboden, die Asche des verstorbenen Menschen geht in den Kreislauf der Natur ein.
Wir hören Motorengeräusche, zwei Fahrzeuge kommen über den schlammigen Feldweg auf den Parkplatz, die Tochter hat die verschollene Dame gefunden, nun kann es losgehen.
Der Mitarbeiter geht voran, der Enkel trägt die Urne und ich folge den beiden. Hinter mir gehen die Tochter und die anderen Damen. Es fängt an zu nieseln, ich kann mir den Gedanken nicht verkneifen, dass die dunklen Wolken am Himmel und der einsetzende Regen durchaus zur Persönlichkeit der verstorbenen Frau passen…
Wir kommen zu dem Baum unter dem die Beisetzung stattfinden soll, ein kleines Loch ist bereits ausgehoben, daneben steht ein Holztrog mit Erde und Schaufel.
Der Mitarbeiter legt das kleine gelbe Rosengesteck ab, der Enkel tritt vor und versenkt zügig die Urne.
Ich halte die kurze Rede, danach ist Ruhe, man hört nur das Zwitschern der Vögel. Die Tochter tritt vor und bedankt sich bei mir, die Freundin der Mutter hat Tränen in den Augen und bedankt sich ebenfalls, schön sei es gewesen, nun könne endlich Frieden mit allem gemacht werden, die Zeit der Anspannung sei vorbei, endlich sei ein echter Abschied gefunden worden.
Es freut mich ehrlich, dass es der kleinen Trauergemeinde gefallen hat, es war eine nicht ganz alltägliche Situation auch für mich und ich bin froh, es hinter mir zu haben.

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